Montag, 26. September 2016

Erkenntnisse des Pendelns

Spieglein Spieglein an der Wand und Selbsttrug bringt nichts
Ein normaler Arbeitstag beginnt und endet bei mir jeweils mit Zugfahren. Täglich gibt es lustige, nervige und sonstige Ereignisse, die mir dann jeweils noch für eine Weile im Kopf rumgeistern. Heute führte eine Beobachtung am Bahnhof tatsächlich zu einer Erkenntnis über mein eigenes Verhalten.

Fröhlich lächelnd ging ich also nach der Arbeit Richtung Bahnhof. Die Treppe runter tänzelnd fiel mir ein junges Pärchen ins Auge, die heftige Zungenküsse austauschten. „Wä nähmet doch bigottherje es Zimmer das müesse doch net alli gseh“ schoss mir ohne Vorwarnung durch den Kopf. Man könnte meinen, es sei Frühling, überall diese doofen Pärchen… Halt was soll das? Eben war ich doch noch bestens gelaunt – denn es ist ja immerhin Freitag und das Fürabebierli wartet schon -, also warum auf einmal so gehässig? Ich setzte mich also hin und zog genüsslich an meiner Zigi und meine Reaktion beschäftigte mich ein wenig. Da dachte ich wieder an einen Artikel, den ich vor kurzem gelesen habe, in dem es um unsere Generation beziehungsunfähig ging. Um sich selbst zu schützen bleiben wir lieber Single und reden uns ein, dass eine Freundschaft mit gewissen Extras eh viel besser ist als eine echte Beziehung und Beziehungen uns in unserem Leben nur einschränken.
Ich selbst gehöre zu den rationalen Menschen, die versuchen, alles möglichst logisch, analytisch und wenn möglich mathematisch zu erklären. Kommt es dann tatsächlich einmal so weit, dass ich jemanden supertoll finde, bin ich durch das biochemische Wirrwarr meines Körpers – das könnte man tatsächlich auf molekulare Strukturen runterbrechen und stöchiometrisch berechnen – so überfordert, dass ich Mr. Supertoll dann auch gleich komplett überrumple indem ich mit der Tür ins Haus falle – im besten Fall mit einem Bulldozer, so à la „I schrisse dini Hütte ab…“, einem Song von J.O.H.O -. Nun ja kommt dann die Frage, was ich denn eigentlich will, kommt eine absolut frauentypische Antwort: „bö, i weiss doch o net…“ oder man krebst zurück denn man hat ja gerade die Hose runter gelassen und könnte verletzt werden und das will ja nun wirklich niemand… Verwirrt wie man dann in diesem Moment ist, stellt man sich dann nur noch doof und verliert total den Hang zur Realität. Nun beginnt der nervigste Teil: Analysieren des Verhaltens und der SMS des Typens oder auch des nicht Vorhandenseins von Kurznachrichten. Eh was wotter äch dermit säge. In Filmen und Serien lernt man doch, dass man sich interessant machen muss und der Mann wenn er nicht schreibt nur noch mehr dein Interesse wecken will. Hä wart schnell er weiss ja schon, dass ich ihn super finde, macht ke Sinn! Aber die Biochemie hat da längst schon das Gehirn unterjocht und logisch denken ist futsch. Dann noch die halbschlauen Ratschläge von Leuten die ganz allgemeingültige – nicht wissenschaftlich hinterlegte – Aussagen raushauen wie: „ja weisch itz woners weiss isches ja nüm interessant, wöu Manne si gebornigi Jäger!“. Aha, dann ist es natürlich scheisse bin ich immer viel zu direkt und überlege in solchen Situationen nicht, bevor ich die Bombe platzen lasse. Aber ich habe schon als Kind nicht gern Spiele gespielt – ausser vielleicht mal Tschou Sepp oder Burechrieg -. Je öfter ich solche Situationen erlebe, umso klarer wird, dass ich, wenn ich schon direkt bin und Mr. Supertoll sage, dass ich ihn eben klasse finde, dann auch den Mut haben sollte, die Frage, was ich denn nun will, auch ehrlich zu beantworten um mich selbst nicht noch mehr zu verwirren. Huere Siech di wotti, süsch hätti das äuä net grad gseit oder? Das würde einem dann auch die ganze Verhaltensanalyse ersparen, denn wenn er so supertoll ist wird er auch ehrlich sagen, was zu sagen ist.

Albert Einstein hat gesagt: „Irrsinn ist, immer wieder dasselbe zu tun aber andere Resultate zu erwarten“, retrospektiv betrachtet bin ich also Irrsinnig, denn ich handle in solchen Situationen immer wieder genau gleich durchgeknallt und irrational wie das vorangegangene Mal und am Ende gehe ich durch die Strassen und nerve mich über verliebte Pärchen die alle an ihrem Glück teilhaben lassen.
Warum also nervt mich das Rumgeknutsche der jungen verliebten so? Weil sie wahrscheinlich nicht versucht haben, das ganze molekular zu erklären und sich nicht ein Schlupfloch gebaut haben um bei Panik abzuhauen. Jaja ich bin mega direkt und bilde mir auch ein wenig etwas ein darauf, denn ich für mich ist Direktheit und Ehrlichkeit ein wichtiges Merkmal, dass ich bei jedem sehr schätze. Aber mir selbst den Spiegel vorhalten sollte ich vielleicht auch einmal. Du bisch es Huehn u söttsch mal chly chille u net geng düredräie… Also ihr lieben Knutschenden: sorry für meine gehässigen Gedanken, liebt euch und macht weiter so, wer nicht klar kommt, hat das Problem grundsätzlich nicht mit euch...

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