Spieglein Spieglein an der Wand und Selbsttrug bringt nichts
Ein normaler Arbeitstag beginnt und endet bei mir jeweils mit
Zugfahren. Täglich gibt es lustige, nervige und sonstige Ereignisse, die
mir dann jeweils noch für eine Weile im Kopf rumgeistern. Heute führte
eine Beobachtung am Bahnhof tatsächlich zu einer Erkenntnis über mein
eigenes Verhalten.
Fröhlich lächelnd ging ich also nach der Arbeit
Richtung Bahnhof. Die Treppe runter tänzelnd fiel mir ein junges Pärchen
ins Auge, die heftige Zungenküsse austauschten. „Wä nähmet doch
bigottherje es Zimmer das müesse doch net alli gseh“ schoss mir ohne
Vorwarnung durch den Kopf. Man könnte meinen, es sei Frühling, überall
diese doofen Pärchen… Halt was soll das? Eben war ich doch noch bestens
gelaunt – denn es ist ja immerhin Freitag und das Fürabebierli wartet
schon -, also warum auf einmal so gehässig? Ich setzte mich also hin und
zog genüsslich an meiner Zigi und meine Reaktion beschäftigte mich ein
wenig. Da dachte ich wieder an einen Artikel, den ich vor kurzem gelesen
habe, in dem es um unsere Generation beziehungsunfähig ging. Um sich
selbst zu schützen bleiben wir lieber Single und reden uns ein, dass
eine Freundschaft mit gewissen Extras eh viel besser ist als eine echte
Beziehung und Beziehungen uns in unserem Leben nur einschränken.
Ich selbst gehöre zu den rationalen Menschen, die versuchen, alles
möglichst logisch, analytisch und wenn möglich mathematisch zu erklären.
Kommt es dann tatsächlich einmal so weit, dass ich jemanden supertoll
finde, bin ich durch das biochemische Wirrwarr meines Körpers – das
könnte man tatsächlich auf molekulare Strukturen runterbrechen und
stöchiometrisch berechnen – so überfordert, dass ich Mr. Supertoll dann
auch gleich komplett überrumple indem ich mit der Tür ins Haus falle –
im besten Fall mit einem Bulldozer, so à la „I schrisse dini Hütte ab…“,
einem Song von J.O.H.O -. Nun ja kommt dann die Frage, was ich denn
eigentlich will, kommt eine absolut frauentypische Antwort: „bö, i weiss
doch o net…“ oder man krebst zurück denn man hat ja gerade die Hose
runter gelassen und könnte verletzt werden und das will ja nun wirklich
niemand… Verwirrt wie man dann in diesem Moment ist, stellt man sich
dann nur noch doof und verliert total den Hang zur Realität. Nun beginnt
der nervigste Teil: Analysieren des Verhaltens und der SMS des Typens
oder auch des nicht Vorhandenseins von Kurznachrichten. Eh was wotter
äch dermit säge. In Filmen und Serien lernt man doch, dass man sich
interessant machen muss und der Mann wenn er nicht schreibt nur noch
mehr dein Interesse wecken will. Hä wart schnell er weiss ja schon, dass
ich ihn super finde, macht ke Sinn! Aber die Biochemie hat da längst
schon das Gehirn unterjocht und logisch denken ist futsch. Dann noch die
halbschlauen Ratschläge von Leuten die ganz allgemeingültige – nicht
wissenschaftlich hinterlegte – Aussagen raushauen wie: „ja weisch itz
woners weiss isches ja nüm interessant, wöu Manne si gebornigi Jäger!“.
Aha, dann ist es natürlich scheisse bin ich immer viel zu direkt und
überlege in solchen Situationen nicht, bevor ich die Bombe platzen
lasse. Aber ich habe schon als Kind nicht gern Spiele gespielt – ausser
vielleicht mal Tschou Sepp oder Burechrieg -. Je öfter ich solche
Situationen erlebe, umso klarer wird, dass ich, wenn ich schon direkt
bin und Mr. Supertoll sage, dass ich ihn eben klasse finde, dann auch
den Mut haben sollte, die Frage, was ich denn nun will, auch ehrlich zu
beantworten um mich selbst nicht noch mehr zu verwirren. Huere Siech di
wotti, süsch hätti das äuä net grad gseit oder? Das würde einem dann
auch die ganze Verhaltensanalyse ersparen, denn wenn er so supertoll ist
wird er auch ehrlich sagen, was zu sagen ist.
Albert Einstein hat
gesagt: „Irrsinn ist, immer wieder dasselbe zu tun aber andere Resultate
zu erwarten“, retrospektiv betrachtet bin ich also Irrsinnig, denn ich
handle in solchen Situationen immer wieder genau gleich durchgeknallt
und irrational wie das vorangegangene Mal und am Ende gehe ich durch die
Strassen und nerve mich über verliebte Pärchen die alle an ihrem Glück
teilhaben lassen.
Warum also nervt mich das Rumgeknutsche der
jungen verliebten so? Weil sie wahrscheinlich nicht versucht haben, das
ganze molekular zu erklären und sich nicht ein Schlupfloch gebaut haben
um bei Panik abzuhauen. Jaja ich bin mega direkt und bilde mir auch ein
wenig etwas ein darauf, denn ich für mich ist Direktheit und Ehrlichkeit
ein wichtiges Merkmal, dass ich bei jedem sehr schätze. Aber mir selbst
den Spiegel vorhalten sollte ich vielleicht auch einmal. Du bisch es
Huehn u söttsch mal chly chille u net geng düredräie… Also ihr lieben
Knutschenden: sorry für meine gehässigen Gedanken, liebt euch und macht
weiter so, wer nicht klar kommt, hat das Problem grundsätzlich nicht mit
euch...
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