Für viele Menschen ist tägliches Zugfahren der absolute
Horror, ich persönlich finde es grundsätzlich sehr angenehm. Am Morgen habe ich
noch Zeit, langsam zu erwachen und Abend kann ich runterfahren und zum Fenster
raus träumen.
Ebenso ergeben sich immer wieder lustige Situationen, die
mich durch den ganzen Tag begleiten.
Trotz allem gibt es manche Dinge, die anderen Pendler tun
oder eben auch nicht, die in meinem Inneren immer eine leichte Enerviertheit hervorbringen.
Dies beginnt dann auch schon auf dem Weg zum Bahnhof.
Um auf das Perron zu gelangen, geht man in Thun die Treppe
runter und dann am entsprechenden Ort wieder hoch. Dazwischen befindet sich der
Brezel-König, bei dem viele morgens ihren Kaffee kaufen. Am liebsten stehen
dann alle gleichzeitig in einer Reihe vor dem Tresen, natürlich gleich so, dass
die, die die Treppe runter kommen sich an der Wand entlang neben den
Anstehenden durchquetschen müssen – einer nach dem anderen -. Immer wieder
frage ich mich in diesem Moment: „wieso?“. Wäre es denn zu viel verlangt, sich
so anzustellen, dass man noch vorbei kommt? Ich erkläre mir die Situation dann
einfach damit, dass das Denkvermögen, besonders das räumliche Denken, morgens
wohl noch extrem eingeschränkt ist und gehe weiter. Auf dem Perron angekommen
setze ich mich gerne mit meinem Kaffee auf die Bank. Also laufe ich zielstrebig
auf diese zu, wo auch schon mehrere Leute davor stehen. Nein, lasst nur, eine
Bank ist schon primär dazu da, sich davor hinzustellen, dass niemand sitzen
kann. Na gut ich bin ja noch jung und kann stehen, denke jedoch, dass wenn
jemand älteres vorbeikommen würde, ich am Rande einen giftigen Kommentar fallen
lassen könnte, damit wenigstens sie sich setzen könnte.
„Gleis 2, Einfahrt des InterRegio nach Bern …“. Alle stellen
sich an den Rand des Perrons und warten, dass der Zug stillt hält. Die Tür
öffnet sich und davor bildet sich ein Trichter, der knapp einen Menschen nach
dem anderen aussteigen lässt. Alle drängen sich von hinten immer näher auf den
Eingang zu, die, die Aussteigen möchten, zwängen sich genervt durch die Hohle
Gasse und ich werde praktisch in den Zug gestossen. Immer wieder denke ich,
dass doch das Einsteigen viel schneller gehen würde, wenn man den Menschen auch
genügend Platz geben würde um auszusteigen, denn es könnten wirklich 2
gleichzeitig aussteigen, durch den Trichter der spalierstehenden Pendler
verzögert sich das ganze jedoch. Das waren wohl alles solche, die sich während
der Schulzeit immer wieder gefragt haben, warum man Mathe macht, denn das
braucht man ja niiiieee mehr im Leben. „Dubbel! Genau hie wär e alltäglechi
mathematischi Ufgab wo ds Läbe würd erliechtere aber neeei mach wyter d Ouge
zue!“
Das gleiche folgt dann auch gleich in Bern wieder.
Aussteigen ist jeden Morgen eine Challenge, da einem überall und von jedem
gerne mal der Weg versperrt wird. Am liebsten sind mir dann noch die, die
gemeinsam quatschend aussteigen, und direkt vor der Tür halt machen um sich zu
verabschieden, so dass dann auch gleich ein Rückstau entsteht. Dazu kommt dann
noch, dass die, die einsteigen möchten nun noch von der Seite drücken. Jeder
Klaustrophobiker hat dann schon am frühen Morgen die erste Panikattacke.
Um möglichst schnell aus dem Wirrwarr zu kommen, nehme ich
auch gleich die Rolltreppe, denn auf der linken Seite kann man ja hochlaufen
und ist schneller oben; so zumindest wäre es mathematisch gedacht, wären da
nicht diese begriffsstutzigen Idioten, die sich auf der ganzen Rolltreppe breit
machen und den eiligen unter uns den Weg verbarrikadieren.
„Denen zeig ichs“, denke ich dann jeweils. „exgüse, chönnti
äch düre?“ frage ich dann in provokativer Tonlage! „Ou ja tschuldigung…“. Dem hab
ichs gezeigt! Würde er sich an die Regeln halten hätte er sich nicht bei mir
entschuldigen müssen, nämlech!
Das Problem mit der Rolltreppen-Regelung ist ja in der
Schweiz doch allen bekannt. Da gibt es die verfechter, die behaupten, dass die
Rolltreppe für solche Menschen ist, die eben nicht laufen können oder mögen,
für die die laufen hat es ja eine normale Treppe. Wir, die die Rollteppe
hochschreiten, sagen dazu jedoch, dass die die nicht laufen können oder mögen
ja eigentlich auch direkt den Lift nehmen könnten, denn ich gehe die Rolltreppe
hoch, um Zeit einzusparen. Nun ja ein ewiges Streitgespräch an jedem Schweizer
Bahnhof, komischerweise haltet sich im Urlaub jeder dieser Menschen, die sonst
ihren „I-sta-woni-wott“-Standpunkt vertreten, an die rechts stehen, links gehen
Regel.
Der Weg zum Bahnhof bzw. auf das Perron gestaltet sich am
Abend nach der Arbeit dann doch etwas leichter, da jeder so schnell wie möglich
nach Hause will. Einige Menschen warten auch schon auf den Zug, doch viele sind
es nicht. Ich stelle mich zum Warten hin, rundherum meeega viel Platz und zägg,
stellt sich ein anderer Pendler direkt vor mich hin. Leicht irritiert blicke
ich seinen Rücken an. Es hat noch sooo viel Platz, wieso, ja wieso nur stellt
sich dieser Typ direkt vor mich hin? Hat der noch nie etwas von der gesellschaftlichen
Distanzzone gehört. Ich gehe einen Schritt zur Seite um mich wieder wohler zu
fühlen, er macht es mir nach, in dieselbe Richtung wie ich. „WTF???!!“. Das
scheiss Perron ist noch leer, kann der sich nicht woanders hinstellen? Mein
sturer Kopf will aber nicht nachgeben, ich verlassen meinen Platz nicht,
immerhin bin ich zuerst hier gestanden. Ich stemme meine Arme in die Seite und
spanne an, so dass meine Ellenbogen stramm zur Seite gerichtet sind. Ich bewege
mich etwas in die Richtung dieses mühsamen Mitmenschens und remple ihn etwas
an. Nur ganz leicht, um zu zeigen, hey hier steht imfall noch jemand! Nichts,
keine Reaktion. Hmm was nun? Ich überlege mir einen Hustenanfall vorzutäuschen,
wo ich wild mit meinem Armen fuchtle und ihm dummerweise eine reinhaue. Nein
das ist zu auffällig. Ich komme auf die unschlagbarste Idee: Ich nehme meine
Wasserflasche zur Hand, leere Wasser über meine Finger und imitieren einen
lauten Nieser und spritze dem Herrn vor mir Wasser in den Nacken. „Entschuldigung…“,
sage ich mit der zuckersüssesten Stimme, die ich, das Lachen verkneifend,
rausbringe. Angewidert blickt er mich an und rückt langsam ab.
Der Zug kommt und ich steige grinsend ein.
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