Montag, 26. September 2016

Pendeln macht Laune, nur manchmal nicht gute



 Für viele Menschen ist tägliches Zugfahren der absolute Horror, ich persönlich finde es grundsätzlich sehr angenehm. Am Morgen habe ich noch Zeit, langsam zu erwachen und Abend kann ich runterfahren und zum Fenster raus träumen.
Ebenso ergeben sich immer wieder lustige Situationen, die mich durch den ganzen Tag begleiten.
Trotz allem gibt es manche Dinge, die anderen Pendler tun oder eben auch nicht, die in meinem Inneren immer eine leichte Enerviertheit hervorbringen. Dies beginnt dann auch schon auf dem Weg zum Bahnhof.
Um auf das Perron zu gelangen, geht man in Thun die Treppe runter und dann am entsprechenden Ort wieder hoch. Dazwischen befindet sich der Brezel-König, bei dem viele morgens ihren Kaffee kaufen. Am liebsten stehen dann alle gleichzeitig in einer Reihe vor dem Tresen, natürlich gleich so, dass die, die die Treppe runter kommen sich an der Wand entlang neben den Anstehenden durchquetschen müssen – einer nach dem anderen -. Immer wieder frage ich mich in diesem Moment: „wieso?“. Wäre es denn zu viel verlangt, sich so anzustellen, dass man noch vorbei kommt? Ich erkläre mir die Situation dann einfach damit, dass das Denkvermögen, besonders das räumliche Denken, morgens wohl noch extrem eingeschränkt ist und gehe weiter. Auf dem Perron angekommen setze ich mich gerne mit meinem Kaffee auf die Bank. Also laufe ich zielstrebig auf diese zu, wo auch schon mehrere Leute davor stehen. Nein, lasst nur, eine Bank ist schon primär dazu da, sich davor hinzustellen, dass niemand sitzen kann. Na gut ich bin ja noch jung und kann stehen, denke jedoch, dass wenn jemand älteres vorbeikommen würde, ich am Rande einen giftigen Kommentar fallen lassen könnte, damit wenigstens sie sich setzen könnte.
„Gleis 2, Einfahrt des InterRegio nach Bern …“. Alle stellen sich an den Rand des Perrons und warten, dass der Zug stillt hält. Die Tür öffnet sich und davor bildet sich ein Trichter, der knapp einen Menschen nach dem anderen aussteigen lässt. Alle drängen sich von hinten immer näher auf den Eingang zu, die, die Aussteigen möchten, zwängen sich genervt durch die Hohle Gasse und ich werde praktisch in den Zug gestossen. Immer wieder denke ich, dass doch das Einsteigen viel schneller gehen würde, wenn man den Menschen auch genügend Platz geben würde um auszusteigen, denn es könnten wirklich 2 gleichzeitig aussteigen, durch den Trichter der spalierstehenden Pendler verzögert sich das ganze jedoch. Das waren wohl alles solche, die sich während der Schulzeit immer wieder gefragt haben, warum man Mathe macht, denn das braucht man ja niiiieee mehr im Leben. „Dubbel! Genau hie wär e alltäglechi mathematischi Ufgab wo ds Läbe würd erliechtere aber neeei mach wyter d Ouge zue!“
Das gleiche folgt dann auch gleich in Bern wieder. Aussteigen ist jeden Morgen eine Challenge, da einem überall und von jedem gerne mal der Weg versperrt wird. Am liebsten sind mir dann noch die, die gemeinsam quatschend aussteigen, und direkt vor der Tür halt machen um sich zu verabschieden, so dass dann auch gleich ein Rückstau entsteht. Dazu kommt dann noch, dass die, die einsteigen möchten nun noch von der Seite drücken. Jeder Klaustrophobiker hat dann schon am frühen Morgen die erste Panikattacke.
Um möglichst schnell aus dem Wirrwarr zu kommen, nehme ich auch gleich die Rolltreppe, denn auf der linken Seite kann man ja hochlaufen und ist schneller oben; so zumindest wäre es mathematisch gedacht, wären da nicht diese begriffsstutzigen Idioten, die sich auf der ganzen Rolltreppe breit machen und den eiligen unter uns den Weg verbarrikadieren.
„Denen zeig ichs“, denke ich dann jeweils. „exgüse, chönnti äch düre?“ frage ich dann in provokativer Tonlage! „Ou ja tschuldigung…“. Dem hab ichs gezeigt! Würde er sich an die Regeln halten hätte er sich nicht bei mir entschuldigen müssen, nämlech!
Das Problem mit der Rolltreppen-Regelung ist ja in der Schweiz doch allen bekannt. Da gibt es die verfechter, die behaupten, dass die Rolltreppe für solche Menschen ist, die eben nicht laufen können oder mögen, für die die laufen hat es ja eine normale Treppe. Wir, die die Rollteppe hochschreiten, sagen dazu jedoch, dass die die nicht laufen können oder mögen ja eigentlich auch direkt den Lift nehmen könnten, denn ich gehe die Rolltreppe hoch, um Zeit einzusparen. Nun ja ein ewiges Streitgespräch an jedem Schweizer Bahnhof, komischerweise haltet sich im Urlaub jeder dieser Menschen, die sonst ihren „I-sta-woni-wott“-Standpunkt vertreten, an die rechts stehen, links gehen Regel.
Der Weg zum Bahnhof bzw. auf das Perron gestaltet sich am Abend nach der Arbeit dann doch etwas leichter, da jeder so schnell wie möglich nach Hause will. Einige Menschen warten auch schon auf den Zug, doch viele sind es nicht. Ich stelle mich zum Warten hin, rundherum meeega viel Platz und zägg, stellt sich ein anderer Pendler direkt vor mich hin. Leicht irritiert blicke ich seinen Rücken an. Es hat noch sooo viel Platz, wieso, ja wieso nur stellt sich dieser Typ direkt vor mich hin? Hat der noch nie etwas von der gesellschaftlichen Distanzzone gehört. Ich gehe einen Schritt zur Seite um mich wieder wohler zu fühlen, er macht es mir nach, in dieselbe Richtung wie ich. „WTF???!!“. Das scheiss Perron ist noch leer, kann der sich nicht woanders hinstellen? Mein sturer Kopf will aber nicht nachgeben, ich verlassen meinen Platz nicht, immerhin bin ich zuerst hier gestanden. Ich stemme meine Arme in die Seite und spanne an, so dass meine Ellenbogen stramm zur Seite gerichtet sind. Ich bewege mich etwas in die Richtung dieses mühsamen Mitmenschens und remple ihn etwas an. Nur ganz leicht, um zu zeigen, hey hier steht imfall noch jemand! Nichts, keine Reaktion. Hmm was nun? Ich überlege mir einen Hustenanfall vorzutäuschen, wo ich wild mit meinem Armen fuchtle und ihm dummerweise eine reinhaue. Nein das ist zu auffällig. Ich komme auf die unschlagbarste Idee: Ich nehme meine Wasserflasche zur Hand, leere Wasser über meine Finger und imitieren einen lauten Nieser und spritze dem Herrn vor mir Wasser in den Nacken. „Entschuldigung…“, sage ich mit der zuckersüssesten Stimme, die ich, das Lachen verkneifend, rausbringe. Angewidert blickt er mich an und rückt langsam ab.
Der Zug kommt und ich steige grinsend ein.

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