Donnerstag, 10. November 2016

Auf dem Einhorn durch die Welt

Ich habe ja nun schon ein paar Mal erwähnt, dass ich tagtäglich mit dem Zug unterwegs bin. Manchmal ergibt es sich dann, dass ich im Spielzug-Abteil lande, wo es glücklicherweise meistens noch einen Sitzplatz zur Verfügung hat – wahrscheinlich wegen der kreischenden, lachenden Kinder. Immer wieder ertappe ich mich dann dabei, wie ich die Kinder beobachte und sich ein gewisser Neid in mir hegt. Wie schön wäre es doch, sich seiner eigenen Fantasie gänzlich zu ergeben und in einem actionreichen Spiel, wo der Boden aus Lava besteht, so lange man eben Lust dazu hat, seinen Tag zu verbringen…


Doch nicht nur das fasziniert mich an den Kindern. Wie sie es immer wieder schaffen, Gegebenheiten direkt anzusprechen ohne Angst vor den Konsequenzen. Direkt und ehrlich. Tätsch gredi use. Sie lassen ihren Gefühlen freien Lauf, weinen wenn ihnen danach ist, kreischen, quietschen und lachen wann immer es sich gerade als in ihren Augen richtig erweist, beschimpfen sich Gegenseitig, um sich einige Minuten später wieder in den Arm zu nehmen und sich einem neuen Spiel zu widmen. Wann haben wir das verlernt? Während der ersten Schuljahre oder doch etwas später? Und warum haben wir so Angst davor, unsere Gefühle und Gedanken wie früher rauszulassen? Jemandem direkt zu sagen dass er den Hosenstahl offen stehen hat – okay es muss ja nicht gleich wie früher sein als man lautstark sang: „Hoselade offe, d Häx het gschosse!“ – doch die meisten wären doch froh um diese Information, ich zumindest wäre es. Wie sähe wohl eine Welt aus, in der etwas mehr ausgesprochen würde was man aus Angst, Schamgefühl oder warum auch immer zurück hält? Wenn man auch mal jemandem sagen dürfte, dass er in dem Moment halt grad ein Arschloch ist, um danach zusammen ein Bierchen zu zischen oder sich auch aus dem Weg zu gehen. Eine Welt, in der man jemandem sagen kann, dass man ihn mag, doof findet oder sogar liebt, ohne dass man sich dann dumm vorkommt, oder dies noch Jahre später gegen einen verwendet wird. Es wäre wohl eine ehrlichere Welt. In meiner Fantasie, wäre sie auch weniger kompliziert, denn man wüsste immer gleich, woran man ist. Zugegeben, gewisse Reize wie zum Beispiel die Flirtspielchen beim Kennenlernen, würden wahrscheinlich verschwinden, da ich jedoch die Spielregeln sowieso bis heute nicht ganz verstanden habe und den Sinn und Zweck davon nicht ganz nachvollziehen kann, wäre mir das wohl egal.
Die Sensibilität, die Kinder immer wieder an den Tag legen finde ich auch faszinierend. Es ist mir schon ab und zu passiert, dass ich vertieft in meiner manchmal melancholisch angehauchten Gedankenwelt, irgendwo wartend, vor mich hin starrte und aus dem nichts ein strahlendes Kindergesicht vor mir erschien. Ein freundliches Strahlen, das mich sofort aus meinen grauen Novembergedanken in eine freundliche Welt blicken liess, als ob mir jemand Schoggi geschenkt hätte.


Auch die lustigen Dinge, die sie mit ihrer nackten Ehrlichkeit immer wieder ohne zu überlegen äussern, lassen mich regelmässig grinsen. „I Mami hesch gseh, die Frou isch de gruusig gschminkt!“ – eine Äusserung, die übrigens meine Mutter vor ungefähr 25 Jahren vor Scham beinahe hätte im Boden versinken lassen, da ich dies lautstark im Lift von mir gab und dabei die Dame mir gegenüber mit grossen Augen betrachtete. Oder wie sie alltägliche Dinge, die sie sehen mit ihrer kindlichen Logik erklären und ich immer wieder denke: „miech ansich no Sinn eso…“. Ich weiss nicht, ob ihr euch noch an die Sendung „Dingsda“ erinnern könnt, wo Kinder Begriffe erklärt haben. Ein Junge erklärt zum Beispiel den Begriff Liebe: das ist, wenn 2 sich sehr gut verstehen, über längere Zeit und manchmal auch beieinander übernachten und viel zusammen unternehmen und man auf dem Herzen so ein Gefühl hat wie als wäre ein kleiner Stein da und wenn man sich dann eines Tages streitet, ist dann alles wieder weg. Diese Beschreibung finde ich köstlich. Simpel und dem Zeitgeist entsprechend, denn wenn man sich streitet ist heute wirklich schnell mal alles wieder weg, da wir gerne den Problemen aus dem Weg gehen. Kinder machen das nicht, sie lassen sich gerne auf Konfrontationen ein und verhandeln. Habt ihr schon mal Kinder beobachtet, die in ein Spiel vertieft sind, und sich über die Handlung nicht einig sind? Sie suchen Optionen um gemeinsam eine Lösung zu finden, mit der beide zufrieden sind, damit sie sich wieder ihrem Spiel widmen können. Auch das haben wir grösstenteils verlernt und haben an der Fachhochschule ein Fach „Argumentation und Rhetorik“ in dem man das Harvard-Konzept liest um das Verhandeln wieder zu lernen, da wir meistens auf unseren Positionen beharren, was dann am Schluss niemandem dient.


Kinder kümmern sich auch nicht darum, ob jemand reich, arm, schwarz, weiss oder sonst wie anders ist, solange man sich mag, spielen solche Dinge für sie keine Rolle.


Als Kind wunderte ich mich häufig über Erwachsene. Sie sagten, man soll nicht Lügen, ich ertappte dir „Grossen“ dann aber trotzdem häufig dabei – dies ist wohl auch ein Grund, warum ich immer auf Rumpelstilzchens Seite war. Immerhin hiess es, man solle nicht lügen oder Versprechen brechen, doch die doofe Müllerstochter hat ihm ihr Erstgeborenes, obwohl versprochen, nie gegeben. Das geht doch so nicht –. Ebenfalls hiess es, man solle seinen Abfall nicht auf den Boden werfen, ich lass aber auf dem Nachhauseweg vom Kindergarten regelmässig Müll von den Strassen auf, die von den Erwachsenen einfach so zu Boden geworfen worden waren, um sie dann in den nächsten öffentlichen Chübel zu werfen. Ja Grüssen solle man die Erwachsenen auch immer höflich, doch die meiste Zeit kam von denen nicht mal ein Hallo zurück.


Erwachsene sagen ihnen Kindern was man soll und darf, halten sich aber leider selber zu selten daran. Das ist in meinen Augen sehr schade.
 
Ja wir bringen den Kindern die Dinge bei, könnten aber selber eine Menge von Ihnen lernen. Dies war schon die Message von James Matthew Barrie als er Peter Pan in seinen Geschichten erscheinen liess. Kinder sind ehrlich, stark und tapfer. Unvoreingenommen und geben jedem dieselbe Chance. Sie kümmern sich noch darum, was mit den Tieren dieser Erde und der Natur passiert und Geld ist für sie kein Thema.


Auch wenn die Welt häufig grausam und verworren ist, so bin ich versucht, sie ein bisschen häufiger durch meine verzauberte Kinderbrille zu sehen um nicht von der Hektik unserer Zeit verschlungen zu werden. Ich folge dem weissen Hasen, solange ich noch kann und freue mich über jeden der mir auf meinen Weg begegnet und der mit dem metaphorischen Hutmacher und mir einen Tee trinkt.

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